Artemisia Gentileschi war eine begnadetsten Künstlerinnen des italienischen Barock, aber in der Kunstgeschichte dreht sich alles um einen der dunkelsten Momente ihres Lebens. Ein kleiner Beitrag zu Arbeit und Leben der Malerin.

Artemisia Gentileschi wurde 1593 als Tochter des renommierten Malers Orazio Gentileschi in Rom geboren. Schon als junge Frau zeigte sie große Begabung für die Malerei, ihr Vater schickte sie zur Ausbildung zu einem befreundeten Künstler – Agostino Tassi. Tassi vergewaltigte sie im Mai 1611. Um einen sehr handfesten Skandal in der römischen high society zu vermeiden, versprach Tassi ihrem Vater, die Künstlerin zu heiraten, zog dieses Versprechen aber sehr schnell wieder zurück.

Orazio, damals ein sehr bekannter Maler und Anhänger Caravaggios, strengte daraufhin einen Prozess gegen Tassi an. Nicht wegen der Vergewaltigung, sondern um eine Heirat zu erzwingen und den Ruf der Familie (und seine eigene Reputation) zu wahren. Der Prozess drehte sich also nicht um das, was Artemisia angetan worden war, sondern vielmehr um ihren Wert als Investment ihres Vaters. Dieser Prozess ist auch der Grund, warum heute verhältnismäßig viel über das Leben Artemisias in dieser Zeit bekannt ist [Akten, das Kerngeschäft jedes Verwaltungshandelns].

Die Kunstgeschichte (selbst die feministische Kunstgeschichte) geht bis heute immer noch häufig davon aus, dass das Werk Artemisias von dieser Vergewaltigung bestimmt war – ihrer Kunst wird damit quasi ein therapeutischer Zweck unterstellt. Das ist eine, wie ich finde, nur sehr schwer haltbare Position, insbesondere, wenn man die Arbeit und den Werdegang Artemisia Gentileschis näher betrachtet.

Beispiel: Susanna und die Ältesten (1610)

Susanna im Bade, 1610.
Öl auf Leinwand.

Susanna im Bade, eine wirklich unappetitliche Geschichte:
Zwei alte Männer beobachten die (verheiratete) Susanna beim Baden und versuchen, sie zum Sex zu überreden. Die junge Frau wehrt sich, woraufhin die Männer sie des Ehebruchs bezichtigen. Sie wird daraufhin zum Tode verurteilt. Gott erhört ihr Flehen und macht einen Mann mit Namen Daniel zu ihrem Fürsprecher. Erst durch sein Zutun kommt sie am Ende frei.​1​

Im Vordergrund, etwas links des Zentrums, sehen wir eine unbekleidete Frau auf einer steinernen Bank sitzend, ein weißes Tuch über ihrem linken Oberschenkel. Hinter ihr, zwei wesentlich ältere Männer, die sich zu ihr herunterbeugen. Sie haben die Köpfe zusammengesteckt, als würden sie sich beraten. Die Frau im Vordergrund – natürlich Susanna – wendet sich von den Männern ab. Ihr Gesicht zeigt einen Ausdruck von Abscheu, die Arme abwehrend (links) und schützend (rechts) erhoben.

Viele Kunsthistoriker (ja, Männer) wollen in den Darstellungen dieser und ähnlicher biblischer Episoden unbedingt irgendeine Art von Katharsis sehen. Warum sonst sollte eine Künstlerin eine Geschichte aufgreifen, in der das Wort einer Frau nicht einen Pfifferling wert ist?!

Nach Ansicht vieler Kunst- und Kulturhistoriker’innen ist das Werk Artemisias ganz schlicht eine Verarbeitung dessen, was ihr angetan worden ist. Das ist, wie ich finde, eine sehr vereinfachte Sichtweise, die ich nicht für plausibel halte. Vielmehr ärgert mich so eine Position, weil sie Artemisias Schaffen als bloße Coping-Strategie abqualifiziert.

Artemisia sieht (und darstellt) schon seit ihrer Jugend sehr klar und deutlich, was es bedeutet, eine Frau zu sein, in der italienischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts. Sie ist sich der sozialen Stellung der Frau bewusst, ebenso der Tatsache, dass sie selbst eine der wenigen Ausnahmen ist, auch aufgrund ihrer privilegierten Stellung. Die Susanna ist nachweislich 1610 entstanden, also im Jahr vor ihrer Vergewaltigung, zeigt aber trotzdem auf, welches Verhalten eine Frau von (insbesondere älteren Männern) zu erwarten hat(te).

Neben dieser Zurschaustellung ihrer eigenen Selbst-Bewusstheit erkennen wir an der Susanna auch eine phantastische Beobachtungsgabe bezüglich der Anatomie der Frau. Artemisia ist auch diesbezüglich den Malern ihrer Zeit haushoch überlegen: die Brust der Susanna erfährt die Schwerkraft. Kein männlicher Künstler dieser Zeit ist in der Lage diese Natürlichkeit darzustellen (oder zumindest tun sie es nicht).

Beispiel: Judith enthauptet Holofernes (1614-20)

Anders als die meisten Darstellungen der Szene, beispielsweise von Caravaggio, ist Artemisias sehr graphische Darstellung die kraftvolle Abbildung zweier Frauen, die sehr bestimmt und mit einer let’s-get-this-shit-done-Attitüde ein Ziel verfolgen.
Auch die physische Anstrengung, die es erfordert, einen Kopf abzutrennen, wird an der Haltung der Körper sehr plastisch dargestellt. Die Gesichter sind fokussiert, nicht angewidert, wie bei Caravaggio. Es ist ein phantastisches Gemälde.

Artemisia ist allerdings nicht nur eine grandiose Malerin, sondern hat auch ein profundes Verständnis für ihr Geschäft. Und sie ist so gar nicht bescheiden: ein Selbstbildnis als la Pittura – wie bad ass ist das?! Sie muss das auch nicht sein – she knows her shit. En detail.

Das zeigt sie auch deutlich in ihren Bildern. Mithilfe ihrer Signaturen, die für sie nicht nur der Authentifizierung und dem Branding dienen, sondern die auch (selbst)bewusste Statements sind. 19 ihrer 48 Bilder sind signiert, das sind fast 40%, auch für ihre Zeitgenossen eine enorm hohe Zahl.
Zum Zeitpunkt der Entstehung der »Susanna« (allein der Farben wegen ein sehr teures Bild) ist Artemisia 17 Jahre alt. Ihren Namen versteckt sie nicht bescheiden in einer Stoff-Falte, wie jemand es vielleicht erwarten würde. Sie pinselt ihn (Vor- und Nachnamen!) stattdessen groß auf den Sockel unter Susannas Knie. Wie großartig.

Sie signiert auch nie zweimal auf dieselbe Weise: ein Bild, eine Signatur. Dabei geht sie sehr klug vor: Bildern, die in ihrer Werkstatt in Florenz entstehen oder für Florentiner Auftraggeber gemalt werden, signiert die Römerin als »Artemisia Lomi« – dem florentinischen Namen ihres Vaters. Sie drückt damit ihre Nähe und Verbundenheit zur Toskana aus und nutzt gleichzeitig den »guten Namen« Orazios.
Der entstammt einer bekannten toskanischen Familie von Goldschmieden, die für ihre kunstvollen und detaillierten Arbeiten bekannt sind. Artemisia verknüpft dieses Image sehr geschickt mit ihrer eigenen Arbeit.

EGO ARTEMITIA/LOMI FEC

Die Judith signiert sie mit den Worten EGO ARTEMITIA/LOMI FEC: Ich, Artemisia Lomi, machte dies. Damit stellt sie für die Betrachter*innen eindeutig klar, dass sie, die Künstlerin, eine Frau ist. Das war damals in der Handwerkerschaft nicht völlig neu, aber auch nicht sehr gewöhnlich. Gleichzeitig unterstreicht sie damit schon sehr früh, dass Frauen durchaus in der Lage sind, für sich selbst einzustehen – und nötigenfalls über Leichen zu gehen.

Exkurs: Signaturen.

Aus der naturalis historia des Plinius wissen wir, dass Künstler*innen der Antike Gemälde häufig ihre Arbeiten im Imperfekt signiert haben. Sie deuteten so an, dass das Bild noch nicht fertig ist und jederzeit vollkommen gemacht werden könnte.

Deutlich seltener wurde im Perfekt signiert – damit wäre das Werk als abgeschlossen gekennzeichnet. Dem Perfekt geht komplett die Bescheidenheit des Imperfekts ab (Tizian hat ausschließlich so signiert ) – das Bild ist eben vollkommen, es ist perfekt.

Guess what?
Artemisia signiert die Judith, dieses offensive Bildnis einer aufgebrachten biblischen Heroine, im Perfekt. Sie setzt damit ein couragiertes und souveränes Statement. Ich sag’s nochmal: bad ass.

Bad Ass Artist

Das Leben Artemisias ist eine Geschichte ist von Selbstermächtigung und Emanzipation. Entgegen der populären Darstellungen war ihr Leben nicht bestimmt von der Vergewaltigung durch Tassi. Vielmehr arbeitete sie sehr fokussiert an ihrem Standing als eigenständige Künstlerin und baute mit ihrem Geschäftssinn ein Vermögen auf. Ganz nebenbei gewinnen wir heute durch ihre Kunst einen kritischen Blick auf die Stellung der Frau in der ihrer Zeit.

Sie war großartige Künstlerin, praktisch allein erziehend, Großverdienerin. Und das im 17. Jahrhundert – trotz der herrschenden sozialen und gesellschaftlichen Widrigkeiten und trotz der Männer aus ihrem Umfeld. As cool as it gets. Artemisia Gentileschi, eine feministische Ikone.

Referenzen

  1. 1.
    Dan. 13. Bibelserver. Accessed July 18, 2021. https://www.bibleserver.com/EU/Daniel13
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