Wir wollen Digitalisierung gestalten – mit Zuversicht und guter Laune.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 3. Juli 2020 in der Plenardebatte zum Patientendaten-Schutzgesetz (PDSG).

Beides, Zuversicht und gute Laune sind mitten in einer Pandemie (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung befinden wir uns kurz vor dem 2. »Wellenbrecher-Lockdown«) nicht gerade breit gestreut, zumal in der Kultur.

Seit März, also dem Beginn der Pandemie in Deutschland, haben Vertreter von Kunst- und Kulturschaffenden, von Bühnen und Museen, als auch Kulturredakteur*innen in großer Zahl viel gefordert, mal mehr Unterstützung, mal weniger Einschränkungen für die Kunst – gebracht hat es nun leider nicht die erhoffte Resonanz – immerhin hat die Bundesregierung mit dem Programm NEUSTART KULTUR eine Milliarde Euro für den institutionalisierten Kulturbetrieb zur Verfügung gestellt.
Jetzt, kurz vor dem zweiten Lockdown, knarzt es allerdings wieder gewaltig: am 2. November werden neben der Gastronomie auch Kultureinrichtungen für mindestens vier Wochen komplett geschlossen.

Diese Entscheidung hat erwartungsgemäß sehr viel Unmut erzeugt, so wirft etwa Susanne Hermanski von der SZ der bayerischen Staatsregierung »irrationales Handeln« vor, Jan Brachmann von der FAZ sieht einen »Affront gegen Kulturschaffende«. Natürlich haben sich auch Künstler zu Wort gemeldet, so zB der Jazz-Musiker Till Brönner, zu dem Andrea Tribel auf Twitter eigentlich auch schon sehr viel gesagt hat.

Jetzt ist es so, dass sich in Deutschland bisher wohl niemand in einer Kultureinrichtung angesteckt hat (sagt auch der Bühnenverein in einer Stellungnahme an die Bundesregierung), das Argument wird jedenfalls häufig angebracht, allerdings ist es eben auch so, dass das Robert-Koch-Institut in 75% der bekannten Fälle gar nicht sagen kann, wo die Ansteckung überhaupt stattfand.

Natürlich ist es für viele freischaffende Künstlerinnen, Bühnentechnikerinnen, Handwerkerinnen, Kuratorinnen, Ausstellungsdesignerinnen, etc. pp. ein großes Problem, ich streite das auch nicht ab, viele Menschen stehen da vor einer existenziellen Krise. Deshalb aber so zu tun, als wäre es völlig unproblematisch, mitten in einer Pandemie Menschen zu Hunderten in geschlossenen Räumen zu sammeln, ist unaufrichtig.
Während der Vorstellungen mag das vielleicht kein Thema sein, aber zu so einem Theater- oder Museumsbesuch gehören eben viel mehr: An- und Abreise, Anstehen, Pausen, Toilettengänge, und so fort. Diese Gelegenheiten können die Einrichtung nur zT bzw. gar nicht kontrollieren. Mittlerweile wissen wir zudem, dass man auf so genannte Selbstverantwortung nicht so viel geben kann.

Das eigentliche Problem hinter alldem ist auch nicht die Schließung selbst, sondern dass der Kulturpolitik ihre precious Kulturlandschaft ausreichend egal zu sein scheint, um wirklich handfeste Maßnahmen zu deren Sicherung einfach zu unterlassen, stattdessen haben Museen wieder Angst vor Kürzungen. Es ist ja nicht so, als hätten wir das im April nicht schon wissen können.

Persönlich verzichte ich in diesem Jahr (und vermutlich im Nächsten auch) auf solche Veranstaltungen, Kulturbeflissenheit hin oder her. Ich könnte nicht ertragen, jemandem mit dieser Scheiße anzustecken.

Previous ArticleNext Article

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

d.

daß Auschwitz nicht noch einmal sei

Der 27. Januar ist der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer der Shoa. An diesem Tag wurde 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit. Bis zu diesem Von 1940 an bis zu diesem Tag starben in den Lagern des Auschwitz-Komplexes bis zu 1,5 Millionen Menschen.

Im November 1959 formulierte Theodor W. Adorno einen Radiovortrag mit dem Titel „Erziehung nach Auschwitz“, der später auch in Schriftform herausgegeben wurde. Adorno leitet den Vortrag ein mit einem berühmt gewordenen Zitat:

Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug.

Theodor W. Adorno (2003): Gesammelte Schriften. Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft, p. 690.

Nun ist Adorno selbst vor den Nazis zunächst nach Großbritannien, dann in die USA geflohen und erst 1949 wieder nach Deutschland zurückgekehrt. „Erziehung nach Auschwitz“ war Adornos Beitrag zu einer der ersten „Schlussstrich-Debatten“, die die Bundesrepublik bis in die Gegenwart immer wieder führt – mit zum Teil haarsträubender Wortwahl, aber Faschisten hören eben niemals auf, Faschisten zu sein und das Sagbare zu verschieben, ist bei Rechten ja gerade wieder sehr in Mode.

Gleichzeitig wird Adornos Forderung „daß Auschwitz nie wieder sei“ heute häufig als antifaschistische Beteuerung im Rahmen des Gedenkens an die Novemberpogrome oder eben den 27. Januar verwendet, gerne auch verhashtagged: #NieWieder!

Auch nach antisemitischen Anschlägen wie zuletzt dem in Halle an Jom Kippur 2019 wird Solidarität mit Jüd*innen routiniert bekundet. Wirklich handfest gelebt werden solche Bekenntnisse in Deutschland kaum und auch deshalb bleibt das Gedenken an die Shoa performativ und selbstvergewissernd.

Die Realität für JüdinnenJuden im Deutschland der Gegenwart ist allerdings eine andere: noch heute, täglich, müssen sie täglich mit Anfeindungen und Gewalt rechnen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit als jüdisch zu erkennen geben.

Wir müssen immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Schweigen ermutigt den Peiniger, niemals den Gepeinigten. Manchmal müssen wir uns einmischen. Wenn Menschenleben bedroht sind, wenn die Menschenwürde in Gefahr ist, werden nationale Grenzen und Befindlichkeiten irrelevant. Wo immer Männer und Frauen aufgrund ihrer Rasse, ihrer Religion oder ihrer politischen Ansichten verfolgt werden, muss dieser Ort – in diesem Moment – zum Zentrum des Universums werden.

Elie Wiesel, Shoa-Überlebender in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises 1986.

Diese Forderung, die Forderung nach Zivilcourage, Empathie und Wachsamkeit, wird seit einigen Jahren wieder verstärkt in die deutsche Gesellschaft getragen, von jüdischen Stimmen wie Elie Wiesel (der 2016 gestorben ist) oder Ester Bejarano, die im Mädchenorchester von Auschwitz Akkordeon spielen musste und 2021 starb. Oder von jüdischen Deutschen der Nachkriegsgenerationen, etwa der Bloggerin Juna Grossmann oder dem Publizisten Max Czollek. Das sollte nicht sein. Das ist unser Job.

Die Enkel- und Urenkelkinder der Tätergeneration müssen sich darum kümmern, dass solche Dinge nicht wieder passieren und ich finde es nur schwer fassbar, dass in diesem Land, dessen Strukturen und Organe historisch so viel Leid über die Welt gebracht haben, heute wieder jüdische Menschen an die ~Christenmenschen~ appellieren und nachgerade um Hilfe flehen müssen, damit ihre basalen Grundrechte gewahrt werden.

Der nächste 27. Januar wird ein Freitag sein und – natürlich – werden Gedenkfeiern stattfinden, die dann aber nur für Deutsche sind, denn der Schabbat beginnt mit Sonnenuntergang.