Walter Gropius, als Baumeister und Städteplaner Zeit seines Lebens nicht unumstritten, konzipierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wegweisende Architektur, deren Einflüsse heute auf der ganzen Welt zu spüren sind, darunter die Gropiusstadt in Berlin-Neukölln oder das PanAm-Building (Heute MetLife Building) in Manhatten. Mitte der 1960er erreichte ihn ein Ruf aus der bayerischen Provinz, dem er, hochbetagt, nur zu gerne folgte.


Die Zeit der Wirtschaftswunders in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts brachten Wohlstand in alle Winkel der Republik. Um der stark gestiegenen Nachfrage nachkommen zu können, wurden in kurzen Abständen große Kapazitäten gebraucht. Auch Philip Rosenthal, der Sohn von Philipp Rosenthal (dem Firmengründer) hatte um 1960 mit solchen Wirtschaftswunderproblemen zu kämpfen. Die Firma hatte in diesem Jahr ein neues Werk in Speichersdorf im Lkr. Bayreuth errichtet, Thomas am Kulm. Das Unternehmen, ein Hersteller für Luxusporzellan und keramische Designobjekte, expandierte stark und so wurde auch am Stammsitz in Selb, an der Grenze zur ČSR, bald ein Neubau nötig.

Direktor Philip Rosenthal ist noch heute als umtriebiger Unternehmer mit einem ausgeprägten Sinn für Kunst und Design bekannt, er initiierte Kooperationen mit vielen namhaften Künstler*innen seiner Epoche, darunter etwa Victor Vasarely oder Andy Warhol. Der Schweizer Graphiker Josef Müller-Brockmann schlug irgendwann in einem Gespräch mit Rosenthal beiläufig vor: »Ich frag’ mal den Gropius«. 1

Walter Gropius (*1883 +1969), späterer Ehemann der Lektorin und Schriftstellerin Ise Gropius, gilt als einer der wichtigsten Architekten und (Industrie-)Designer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auf ihn geht die Idee der industriellen Massenfertigung von Bauteilen zurück, eine notwendige Vorbedingung für Plattenbauten und Satellitenstädte in der ganzen Welt.

»Sie sind wohl verrückt. Genauso kann ich den Papst zur Taufe meiner Tochter bitten oder mir nur von Sauerbruch den Blinddarm herausnehmen lassen.«

»Sie sind wohl verrückt. Genauso kann ich den Papst zur Taufe meiner Tochter bitten oder mir nur von Sauerbruch den Blinddarm herausnehmen lassen«2, soll Rosenthals Antwort auf den Vorschlag gewesen sein, zumindest wurde das von ihm selbst kolportiert. Gropius jedenfalls wurde angefragt und nahm den Auftrag dankend an.

Die Planung des Werkes Rosenthal am Rothbühl 3 wuchs in enger Zusammenarbeit zwischen Gropius, seinen Mitarbeitern von TAC4 (wobei hier insbesondere Alexander Cvijanovích zu nennen ist, der woanders noch eine Rolle zu spielen haben wird) und den Ingenieuren der Rosenthal AG.

Im Dezember 1964 wurde die Planung im Rosenthal Studiohaus in München vorgestellt. Der Spatenstich fand im April 1965 statt, die Einweihung am 5. Oktober 1967, unter Anwesenheit von Bundeskanzler Ludwig Ehrhardt und dem Architekten selbst. Die Veranstaltung war ein Medienereignis und wurde in der deutschen ffentlichkeit vergleichsweise breit rezipiert. Die Kosten für den Bau betrugen etwa 20 Millionen Mark.5

Ein Entwicklungsplan für Selb

Der damaliger Oberbürgermeister der kleinen Stadt, Christian Höfer, hatte auch ein paar eigene Ideen. Unter Höfers Ägide hat die Kommune erstmals eine Kanalisation angelegt und ein Hallenbad gebaut. Trotzdem hatte die Stadt einige bedeutende Probleme:

Die Stadt ist häßlich, hat keine Mitte, sie ist ausgewuchert, unansehnlich und hastig nach einem totalen Brand im 19. Jahrhundert wieder aufgebaut worden: eine amorphe Agglomeration aus Industrievorort und dörflicher Enge.

Süddeutsche Zeitung am 10. Mai 1968

Diese Feststellung ist nicht völlig unbegründet. Nach dem Stadtbrand von 1856 und der daran anschließenden schnellen Industrialisierung der Stadt war die Stadt bis in die Nachkriegszeit hinein sehr stark gewachsen. Fast allle äußeren Stadtteile entstanden in dieser Phase: die Siedlung-Süd (1932-34), die Hans-Schemm-Gartenstadt (1937, benannt nach dem 1935 verunglückten Kultusminister und Gauleiter der Bayerischen Ostmark; heute ist das das Areal zwischen Jahnstraße und Försterstraße am Schulzentrum und hat keinen Namen mehr), die Wohnsiedlung Kappel (ab 1946) und das Selber Vorwerk ab 1955.

Das rapide Wachstum und eine starke Wachstumsprognose machte eine Neuordnung des Zentrums erforderlich, das war auch dem Stadtrat bewusst. Im Jahr 1966 hatte man deshalb ein Verkehrsgutachten bei einer Stuttgarter Firma in Auftrag gegeben.6

Am 2. März 1967 ging das erste Angebot von Gropius und den Kollegen von TAC (The Architects Collaborative, Gropius’ Architektenkollektiv aus Cambridge, MA) ein. Der Vorschlag sah folgende Punkte vor:

  • Ausarbeitung der Grundlinien eines Verkehrsplanes einschliesslich der regionalen Verkehrslinien in Zusammenarbeit mit den bereits vorhandenen Studien von Herrn Professor Leipbrandt (sic).
  • Vorschlaege fuer eine Hoehenzonung in der Stadt einschliesslich geeigneter Stellen fuer Hochhauswohnungen.
  • Vorschläge für einen Stadtpark.
  • Untersuchungen ueber die Entwicklung des vorhandenen Flusstales in Bezug auf Wohnabschnitte und Fussgaengerwege.
  • Untersuchungen ueber die besten Richtungen der Wachstumszunahme der Stadt.
  • Einbeziehung der Industrieareale in das Gesamtstadtbild mit besonderer Beruecksichtigung glatter Verkehrsabwicklung und gutem Zugang fuer Angestellte.
  • Untersuchung des Eisenbahnnetzes und seines kuenftigen Gebrauchswertes (mit Professor Leipbrand) (sic).

Das Angebot war aufsehenerregend. Sowohl das Renomee der Architekten, als auch das veranschlagte Honorar führten dazu, dass die Angelegenheit selbst von kleineren Lokalzeitungen in der ganzen Republik aufgenommen wurde, teils sogar mehrfach. TAC berechneten erst einmal nur 15.000$ (im Juli 2020 sind das etwa 95.000€). Ein Drittel davon zahlbar bei Unterzeichnung, zzgl. der Reisekosten für zwei Architekten – geradezu ein Schnäppchen für vier Monate Arbeit. Die Stadtverwaltung kalkulierte mit Kosten von 80.000 DM + X für die Gesamtplanung. Rat und Verwaltung rechneten allerdings fest mit Fördermitteln von Land und Bund – von einer anvisierten Förderung von 90% war anfangs sogar die Rede. Ein Fehler, wie sich später heraussstellte.

Euphorisch war man trotzdem auf allen Ebenen; zum Festakt anlässlich der Vorstellung des Gesamtplanes am 7. Mai 1968 kamen dann auch Wirtschaftsminister Ludwig Erhardt und Medienvertreter aus ganz Europa ins Grenzlandtheater nach Selb.

Der Stadt war ein großer Wurf gelungen: in allen Zeitungen, von der B#LD bis zu den renommiertesten Architekturzeitschriften konnte man von Selb lesen, die Euphorie war riesig und alles war in Aufbruchstimmung. Man konnte fühlen, und ja bald auch sehen, dass die Zukunft (oder zumindest das, was man dafür hielt) endlich auch im Zonenrandgebiet angebrochen war.

Um das Folgende in einen größeren Kontext einzuordnen, ist dieser Beitrag mit der Vorgeschichte vielleicht nützlich. 


Literaturangaben

  1. Neudecker N. “Ich frag’’ mal den Gropius”.” Nürnberger Abendzeitung. 1968:4
  2. Rosenthal P. Auch das Selbstverständliche ist oft Utopie. Zeitschrift des Bundes deutscher Architekten. 1983:63.
  3. Rothbühl ist die Bezeichnung eines Flurstücks zwischen der Stadt Selb und dem benachbarten grenznahen Ortsteil Erkersreuth.
  4. TAC oder The Architects Collaborative ist das von W. Gropius und einigen assoziierten Architekten (darunter A. Cvijanovích) 1946 in Boston, Massachusetts gegründete Büro, das sich hauptverantwortlich für Gropius‘ Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt.
  5. Vgl. u.a. Die neue Rosenthal-Fabrik von Walter Gropius, in: Werk und Zeit, Werkbund Sonderdruck Nr. 11/1967 und Beitrag über Walter Gropius zur Eröffnung des Werkes Rosenthal am Rothbühl. In: ZDF aspekte, Sendung vom 10. Januar 1967, ab Minute 00:21:33:00.
  6. Der Hauptgutachter war Prof. Kurt Leibbrand, einem deutschen Ingenieur und Verkehrsplaner, der im Zweiten Weltkrieg die Erschießung von meuternden italienischen sog. Hilfswilligen angeordnet hatte. Für dieses Kriegsverbrechen wurde Leibbbrand im Juli 1961 verhaftet. Nach einem Freispruch wurden Leibbrandts Taten 1966 in der Revision als Totschlag gewertet und das Verfahren wegen Verjährung eingestellt. Leibbrands Karriere war nach dem medial stark begleiteten Prozess am Ende.
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T.

Teilnehmer gesucht

Teilnehmer gesucht

Wer?

Mein Name ist Lukas Thüring, ich stamme aus Selb und studiere momentan an der Universität Maastricht/NL und ich suche Teilnehmer für ein Fokusgruppeninterview für eine Studie. Die Forschungsarbeit wird als Master-Thesis an der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften der Universiteit Maastricht/NL eingereicht.
Mehr Informationen über mich finden Sie hier. Falls Sie fragen haben, senden Sie mir gerne eine E-Mail oder schreiben Sie mir auf Facebook.

Was?

Die „Porzellanstadt“ Selb, über mehr als 160 Jahre geprägt vom Porzellan, hat sich in den letzten 30 Jahren und bedingt durch die Schließung zahlreicher Porzellanfabriken gravierend verändert. Die Fabriken am Ort beschäftigten nicht selten ganze Familien vom Berufseintritt bis zum Rentenalter, auch viele Schüler waren über die Ferienarbeit bei Heinrich, Rosenthal oder Hutschenreuther beschäftigt, um sich etwas dazuzuverdienen und man sprach nicht ohne Stolz von den „Porzellinern“.

Heute sieht das alles ganz anders aus. Nach dem wirtschaftlichen Niedergang der Porzellanindustrie hat die Stadt mit vielen Problemen zu kämpfen, die Industrielandschaft aber hat sich weitgehend wieder erholt. War Porzellan als Monokultur früher noch die wichtigste Industrie der Stadt, wurde sie seitdem abgelöst durch eine Vielzahl erfolgreicher Unternehmen aus verschiedenen Industriezweigen. Die Menschen, die „Porzelliner“, sind aber immer noch da, zum Teil im Ruhestand, zum Teil noch angestellt oder in andere Branchen gewechselt.

Wenn man in einer Stadt lebt, die so sehr vom Porzellan abhängig war, bleibt das nicht ohne Folgen auf die persönliche Einstellung zur Stadt und zum Produkt. Mit der Schließung der Fabriken trat eine tiefgreifende Veränderung im Leben vieler Bürger ein, die unterschiedlich stark aufgenommen und verarbeitet wurde.

Hier möchte ich Ansetzen. Für eine Abschlussarbeit möchte ich erforschen, wie sich die Identität der Stadtgesellschaft durch das Produkt Porzellan verändert hat, wie die Bürger heute zum Porzellan als Marke stehen und die Frage ob Porzellan als Kunst im öffentlichen Raum einen Einfluss auf die Bürger der Stadt hat.

Um diese Fragen zu beantworten, werde ich Interviews in der Stadt führen und mit Fokusgruppen und der Visual-Matrix-Method arbeiten. Die Visual Matrix wurde relativ neu entwickelt und hilft, den kulturellen Wert eines Kunstwerkes zu bestimmen und zu analysieren.

Dafür suche ich mindestens 24 Selber BürgerInnen, jeweils 8 der Altersklassen 18-25, 30-45 und 55+, mit allen Bildungsabschlüssen, mit und ohne Migrationshintergrund, die mich bei dieser Forschung unterstützen würden. Persönliche Daten sind für dieses Projekt dabei nicht wichtig, es geht dabei hauptsächlich darum, auf Basis von Fotos Eindrücke, Erinnerungen, Assoziationen einzubringen und in der Gruppe zu diskutieren.

[Eine Beschreibung der Methode gibt es hier [leider nur auf Englisch]]

Die Veranstaltung dauert etwa 2 Stunden. Ein genauer Termin kann festgelegt werden, wenn genügend Teilnehmer zusammengekommen sind.

Über jede Teilnahme würde ich mich außerordentlich freuen. Es gibt Pizza.

P.

Popkornkino

Popkornkino

In Kürze: Der Betreiber will das Kino dichtmachen, weil es sich für ihn nicht lohnt, obwohl am Ende wohl ein kleines Plus steht und die Stadt steht seit einiger Zeit vor der Frage, wie es weitergehen soll [siehe Links am Ende der Geschichte].Von Gott weiß woher hat man jetzt ein neues Konzept für den Betrieb aufgetrieben, das als Idee, wie ich persönlich finde, sehr charmant ist, von dem ich aber Zweifel habe, ob das in dieser Form so funktioniert.

Diese Zweifel basieren allerdings auf sekundären Quellen (Presse), insofern kann ich dazu erst Näheres sagen, wenn ich das Konzept im Original gesehen habe. Bisher (Stand: 12.04.2018) hat die Diskussion drei Vorschläge hervorgebracht:

I. Das Konzept1

Die Stadt übernimmt das Kino für 360.000€ und investiert 300.000€ in notwendige Umbaumaßnahmen [die allerdings nur einer Grobplanung entstammen und dementsprechend wenig aussagekräftig sind.]. Betrieben werden soll das Kino kommunal, über die geplante Rechtsform wurde nichts berichtet. Das geplante Programm umfasst:

  • Arthouse-Filme [Kunstfilme]
  • »Popcorn-Kino« mit 3D-Filmen
  • Dokus und Kurzfilme »ergänzt zu verschiedenen Filmreihen« [was das genau bedeutet, wird aus dem Kontext nicht völlig klar]
  • Sportereignisse (Etwa der Superbowl der NFL)
  • ergänzend soll ein Programm für Kleinkunstveranstaltungen etabliert werden

Unterm Strich soll der Fokus wohl auf ein »anspruchsvolles Programm« gelegt werden. Auch an der Hardware soll sich was tun:

  • Umgestaltung der Fassade 
  • die Einrichtung einer barrierefreie Toilette
  • weiter soll »der Wohlfühlcharakter« der Lobby verbessert werden

Soweit, so okay.

II. Die Position von CSU|FWS

Die Fraktion der CSU|FWS hat sehr deutlich gemacht, dass sie ein Konzept auf Basis des kommunalen Kinos, mit Verweis auf den momentan noch etwas wackeligen Haushalt der Stadt ablehnt. 

  • Gründung einer GmbH mit einer möglichen Beteiligung der Stadt; ein Förderverein soll unterstützen
  • Ablehnung einer Erweiterung des Gastro-Angebots, aufgrund von »Wettbewerbsverzerrung«
  • Die CSU gibt die weiterhin relativ schwache Finanzlage der Stadt zu bedenken
  • Die FWS haben Einwände aufgrund des Aufwandes, der für den Betreiber schon zu hoch würde und dementsprechend hoch auch für ehrenamtliche Unterstützer ausfallen mag

Für das Rathaus sei es sicherlich schmeichelhaft, wenn man unterstelle, dass es Dinge könne, die sich die privaten Eigentümer nicht mehr zutrauten.(Stephan Rummel, zit. n. Frankenpost online)

Auf Facebook weist der Unternehmer Martin Groeper eindringlich darauf hin, dass im Plan der CSU ein Förderverein juristisch wohl keinen Platz hätte. Tja, nun. Die Chancen stehen wohl eher schlecht, dass lokale Investoren in Selb mal den Hut rumgehen lassen, um ausreichend Kapital zu sammeln. Der CSU-Vorschlag kippelt daher ganz schön.

III. Die Position der SPD

  • Die SPD möchte das Konzept testen. Basis dafür soll ein Mietvertrag mit dem Inhaber des Kinos sein
  • Der Mietvertrag soll über 18 Monate laufen, in der das Konzept implementiert werden kann
  • Gleichzeitig soll der Stadt so die Möglichkeit gegeben werden, den Anker zu werfen. 
  • Weiter sollen möglichst viele Konjunktive im Vorfeld ausgeräumt werden, insbesondere was mögliche Förderoptionen angeht
  • Auch die SPD zieht eine Einbeziehung von Investoren in Betracht

Und nun? Alle drei Positionen haben durchaus bedenkenswerte Aspekte, allerdings gibt es auch Raum für Kritik

 

Eins

Dass ein Kino für die Stadt Selb eine wichtige Einrichtung ist, ist schwer zu bestreiten, inwiefern sich allerdings Kino mit Fokus auf Arthouse, also den Kunstfilm, (kosten)effizient betreiben lässt, ist sehr schwer zu sagen. 2016 waren gerade einmal 12,5% aller Kinogänger Besucher von Programmkinos. Dieser Schnitt wird in Selb wohl eher niedriger sein, insofern bin ich da sehr skeptisch. Auf der anderen Seite haben Sportereignisse wie das CL-Finale oder der Superbowl, die andernorts schon in Kinos gezeigt werden, unter Umständen doch einiges Potential.  
Die weiteren Möglichkeiten sind unendlich: Es gibt Tatortabende oder Vormittagsvorstellungen für Eltern mit kleinen Kindern, wo die Filme jeweils etwas leiser und mit Untertiteln gezeigt werden, falls mal ein Balg plärrt. Dazu: jähriliche Vorstellungen von Kultfilmen wie der Rocky-Horror-Picture-Show und ähnlicher. Es ist schwierig, trotzdem ist das Potential ist wahnsinnig groß. Auch eine kleine Bühne oder generell ein Platz für Veranstaltungen sind in Selb bisher nicht leicht zu finden. Insofern, aus der Sicht eines Kulturenthusiasten: Daumen erst einmal seitwärts.

 

Zwei

Eine private Lösung ist bei einem Budget von mindestens 650.000€ schwierig zu erreichen. Das Risiko für private Investoren wäre enorm hoch, und es ist doch fraglich, ob das ordentlich gegenfinanziert werden kann. Auch der Punkt mit dem gastronomischen Konkurrenzangebot ist nicht ganz von der Hand zu weisen und sehr schwer zu rechtfertigen. Aber:
Transparenz bei der Budgetierung kann Bedenken in diesem Punkt ausräumen helfen.

Besonders interessant finde ich im Zusammenhang mit der Finanzierung die oben zitierte Aussage von Stephan Rummel. Tatsächlich ist die »Unterstellung« nämlich sehr zutreffend: eine Kommune kann tatsächlich Dinge machen, die die Privatwirtschaft nicht kann, weil diese auf die Gewinnmaximierung fixiert ist, anders als ein kommunales Unternehmen.

Die wichtigste Aufgabe von kommunalen Kinos ist die Kulturarbeit. Die kann vielerorts überhaupt nur aufrecht erhalten werden, weil die Gemeinden die Filmtheater querfinanzieren. Bei so ziemlich allen deutschen Bühnen ist das übrigens genau so; auf die Idee, das Rosenthal-Theater zu schließen kommt ja auch niemand. Die Möglichkeit der Querfinanzierung ist in Wirklichkeit der große Vorteil des kommunalen Kinos. So wird es in vielen Kinos überhaupt erst möglich, die im Vergleich zum Popcornkino weniger lukrativen, aber kulturell wertvollen Arthouse-Filme überhaupt anzubieten. Die CSU|FWS-Position bekommt von mir ein solides »Na ja«.

 

Drei

Den Vorschlag der SPD ist mir grundlegend ziemlich sympathisch. Die Idee, das besprochene Konzept step-by-step umzusetzen, schafft die Möglichkeit, in einer Art Sandbox, also einer sicheren Entwicklungsumgebung, verschiedene Modelle und Ansätze zu testen und umzusetzen. Auf diese Weise wird das Konzept im laufenden Prozess weiterentwickelt, was dem Kino eine Menge Flexibilität einräumt. Gleichzeitig bliebe so genug Zeit, eine gewisse Marktforschung zu betreiben, um das Publikum näher kennenzulernen, und entsprechend das Konzept an diese Daten anzupassen und das »Nutzererlebnis« zu verbessern. Unterdessen kann dann dementsprechend die geeignete Rechtsform für das kommunale Lichtspielhaus gefunden werden. Wichtig dabei ist, ein ordentliches Monitoring aufzubauen, damit möglichst schnell auf negative Veränderungen reagiert werden kann.   

Dass die SPD erst einmal keine Umbauarbeiten in Kauf nehmen will, ist angesichts des Miet-Vorschlages natürlich verständlich, Bauschmerzen macht mir das aber doch. Umbaumaßnahmen sind im Selber Kino ziemlich notwendig, die Struktur ist nicht mehr ganz so zeitgemäß. Wenn außerdem ein Gastro-Angebot entstehen soll, werden da [vermute ich] auch im Foyerbereich Bauarbeiten notwendig sein. Dazu kommt die Barrierefreiheit, die für öffentliche Gebäude regelmäßig erreicht werden soll. Eine barrierefreie Toilette ist da nicht genug, auch der Eingangsbereich müsste dann ganz neu gestaltet werden.


Persönlich bin ich sehr stark dafür, ein Kino in Selb zu erhalten.

Das schließt eine kommerzielle Lösung fast vollkommen aus, die Rentabilität ist da wohl eher nicht gegeben. Ein kommunales Kino mag finanziell ein größeres Risiko sein, stellt den Erhalt des Kinos als Teil der kulturellen Infrastruktur aber erst einmal sicher. Mit einem moderneren, zeitgemäßeren Programm können realistisch gesehen auch wieder mehr als 17.000 Besucher pro Jahr erreicht werden. 

Der Haken ist die Vorbereitung: Bei einigen kommunalen Projekten in der Vergangenheit ist in der Stadt schon konzeptionell Einiges schiefgelaufen, was zu horrenden Folgekosten geführt hat. Das sollte – wenn möglich – nicht wieder passieren.Es ist wichtig, dieses Projekt auf richtige Füße zu stellen. Das schließt Gutachten (baustatische wie ggf. juristische) ebenso mit ein, wie eine taugliche Projektstruktur, die Mission, Parameter, an denen der Erfolg gemessen werden kann, Informationen zu den Besucherstrukturen, eine taugliche Evaluation und vor allem offene Kommunikation. Wenn sich die Stadt diesmal dazu durchringen kann, das kommunale Kino professionell managen zu lassen [was ich der ominösen Konzeptionistin erst einmal zutraue], dann wird das mit dem kommunalen Kino auch ohne Schwierigkeiten was.

[hinzugefügt, 13.04.2018, 12:40 Uhr] Einen wichtigen Punkt habe ich in der Zusammenfassung gar nicht erwähnt: Bei einer Übernahme des Kinos durch die Stadt muss, unabhängig von der Rechtsform, vor allem die völlige Unabhängigkeit des Betriebes in Fragen der Programmgestaltung festgelegt sein. Zum einen, weil dadurch ein gleichbleibend hochwertiges Programm sichergestellt wird, zum anderen wird auf diese Weise die Freiheit der Kunst gewahrt, die in diesem Fall nicht nur auf die Filmauswahl beschränkt wäre. 

Und zuletzt:

This one goes out to you, CSU: Ein Kino ist natürlich ganz SELBSTVERSTÄNDLICH ein Wirtschaftsbetrieb [was nichts anderes bedeutet als »Unternehmen«, das macht die Aussage an sich schon komplett überflüssig] und man kann ein Kino NATÜRLICH auch als GmbH betreiben [ich kann nicht ganz fassen, dass man das wirklich sagen muss, so belanglos ist diese Aussage].

Die [wichtige] Frage ist daher halt auch, welchen Zweck man damit verfolgt und ob man das dann überhaupt noch will. Oder ob es auch nur sinnvoll ist. Überraschenderweise ist ein Kino nicht automatisch gewinnorientiert, nur weil »Kino« drauf steht. Ich mag in diesem Fall den großartigen Joachim Lux zitieren, der da schrieb

Erst Kultur macht das Leben lebenswert. Als unabdingbare Überflüssigkeit steht sie gegen die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse. Und für die Freiheit.


Offenlegung: Der Autor ist SPD-Mitglied und als solches Genosse im OV Selb.


Links zum Thema

kommunale kinos: Bundesverband kommunale Filmarbeit

FFA-Prgrammkinostudie 2016

Kultur ist Leben. Kultur ist Freiheit. [The European, 14.03.2015]

Hoffnung für das Kino Center [Frankenpost, 31.08.2017, Paywall]

Das Ringen um das Kino-Konzept [Frankenpost, 15.12.2017, Paywall]

Unterstützung für Zukunft des Kinos als Kulturstätte [Selb live, 10.04.2018]

Hängepartie um Selber Kino geht weiter [Frankenpost, 10.04.2018]

Selb: CSU will Kino in privater Rechtsform [Frankenpost, 11.04.2018]

SPD Selb: Kinorettung ist möglich [Facebook, 12.04.2018]

Anmerkungen

1. Sporer M. Unterstützung des Kinos als Kulturstätte. Selb-live.de. http://www.hochfranken-live.de/index.php/news/4940-unterstuetzung-fuer-zukunft-des-kinos-als-kulturstaette.html. Published April 10, 2018. Accessed April 10, 2018.

A.

A stranger completely like myself

The famous Giardini della Biennale, established by Napoleon Bonaparte by the end of the 19th century, are located at the eastern edge of the city. Well-known architects such as Alvar Aalto, Zeev Rechter or Gerrit Rietveld were given the opportunity to build national pavilions there representing their countries at the Biennale di Venezia.

Strolling around in the parks, visitors face a cross-section of 20th century architecture, starting from the somewhat clumsy Belgian pavilion (by Léon Sneyers, 1907) the Hungarian, German and British pavilion designed in 1909, the French and Swedish pavilions of 1912. In the following decades, numerous architects (e.g. Gerrit Rietveld, Bruno Giacometti) from different architectural streams (De Stijl, Minimalism) implemented their ideas. The International Modern Australian pavilion (by Denton Corker Marshall Architects) is so far the only one that was not built or re-built in the 20th century, and opened in 2015.

Architecture in general is, just like national anthems or the flags, an essential part of a nation’s constituting process (however, one can ask if those symbols are still needed today). Landmark buildings symbolise the social component of a nation. By the same token, they act as a realm in which identities are generated and expressed, and the national pavilions at Venice Biennale are no exception in this regard.

But here the architecture not only provides physical and ideological frames (and boundaries) for the installed works of art. Often enough the handling of the architecture becomes an actual part of them. The possibilities of dealing with the built world are, of course, countless.

In 1993, artist Hans Haacke won the Golden Lion for smashing Hitler’s marble floor in the German pavilion completely. With this act of re-shaping the building’s architectonic structure, he created a metaphoric description of Germany’s past. In 2009 (Germany won again), the artists (-as-curators) Michael Elmgreen and Ingar Dragset transformed both the Danish and the Nordic pavilions (which includes Finland, Norway and Sweden) into domestic environments with living room, kitchen and garden plus swimming pool. Titled “The Collectors’”, the multinational work approaches the mechanisms and psychology of collecting (of both, art and ex-lovers’ swim suits, in this particular case) in an innovative and even entertaining way.

Elmgreen and Dragset translated the traditionally close cultural ties between the Nordic countries (and Denmark!) into an extensive installation. The artists did not just overcome but expanded the architectural boundaries of an international cooperation which, in fact, had never been done before.

The ‘Enemy Of The Museum’ At The 57th Venice Biennale

For the 57th Biennale, curator Christine Macel issued the motto of “Viva Arte Viva”(or as they say now: #VivaArteViva) in order to explicitly “mute” issues of politics or society, but to address “arts for the art’s sake”. Some countries such as Nigeria and Brazil refused to follow Macel here (and they did greatly). But others, of course, did, which also led to extraordinary works. The Canadians for instance, selected Geoffrey Farmer, a Vancouver-based artist to exhibit his work in the pavilion and, well…

Farmer, infamously known as the “enemy of the museum” (a label given by Jessica Morgan, curator of the DIA Art Foundation) deconstructed the Canadian pavilion extensively: he opened the roof of the pavilion and dismounted parts of the façade and the entire glass front including the entrance. The whole work consists of a number of surreal bronze objects including a man-sized mantis and the Wounded Man, a wounded hall clock. In the center of the opened space, a fountain has been built, splashing nine meters high. 71 planks have been arranged in and around the pavilion, partly around the edge of the fountain.

By taking a closer look, the building appears as a spatial depiction of Farmers identity in the shape of a walkable Deleuzian rhizome. Deleuze developed his idea of a multi-rooted and non-hierarchical structure to describe the genesis of systems such as culture, knowledge or in this case: identity.1

The point of departure of A way out of the mirror is a photograph, taken in the summer of 1955. It depicts a collision of a Canadian timber truck and a train. The truck was driven by Farmer’s unlucky grandfather Victor. Geoffrey never got to know him in person since he himself was born in Vancouver in 1967. Victor indeed survived the crash but died soon after, probably due to the late effects of the accident. The planks in the installation were piled according this picture. The fountain resembles a fountain at the San Francisco Art Institute, where Farmer graduated. The Wounded Man, injured by tools such as an axe or a pickaxe, seems to represent the artist himself.

As does the mantis: sitting reading on a tree stump, a scissor in its back – a self-portrait (according to the artist) and alluding to La Mante, grande by Germaine Richier. The title, A way out of the mirror, was borrowed from Laughing Gas, a poem by Allen Ginsberg. And then, there is the water. And it’s everywhere, obviously interlinking the sculptures, it splashes and flows in irregular intervals and in a cheeky, cheerful and almost a bit stubborn way out of the installations, a striking metaphor for the life itself.

Farmer became an artist somewhat unintentionally. He started his career at the age of 21 when he attended an art class with his sister in 1988 and there is actually not much else to the story. He graduated from Emily Carr Institute of Art and Design in Vancouver and San Francisco Art Institute. Farmers works are multi-media. He often uses photographs, sculptures or media art to create complex installations that interact with the space by making noise or moving. With A way out of the mirror, Farmer compiles manifestations of various events, stories, objects, feelings and deeds, he is publicly exhibiting the rhizome that literally shapes his identity.

Farmer transforms the formerly closed pavilion into an outward facing open space and arranges it around a personal story. In breaking up the given structure of the pavilion radically (which is also possible due to upcoming construction measures), Farmer’s work demonstrates powerful emotion, either aggression or indifference, grief or resilience. According to curator Kitty Scott, the work discharges emotion “in spurts and drips as tears, ejaculate and sweat”.

His work seems to be an attempt to overcome the era of the white cube which has often been declared as finally dead (since at least 1978), even though the 2017 Biennale proves overly optimistic seers wrong in this regard. Farmer does not, however, provide the most remarkable piece of art of this year’s Biennale. But he offers an interesting way to deal openly with the roots of his artistic work and last but not least of his own person. Therefore it fits precisely in the frame of Christine Macel’s bright and shiny proviso, “Viva Arte Viva”.

The opening weekend provided a remarkable episode to the visitor: as if the artist tried to give a fuller picture of the art world, a staff member (holding an arts degree, as he told me) had to be assigned to the Canadians to ensure from backstage that no water of the fountain would flow into the property of the British next door. His choice of arms: a wet vacuum cleaner.

Deleuze G, Guattari F. Mille Plateaux. Paris: Les Éditions de Minuit; 1980.


This article was first published on ex-hibit.art on August 14th, 2017.