Zu Beginn der Pandemie haben sich viele Menschen neue Hobbys zugelegt, um die durch Homeoffice und Teil-Lockdowns gewonnene Lebenszeit gut zu nutzen. Neue Zeitvertreibe sind etwa Sauerteigbrot backen, Töpfern oder Malen-nach-Zahlen. Ich hatte eigentlich vor, mehr Sport zu treiben, was durch die Schließung der Schwimmbäder irgendwie auch nicht erfolgreich war. Stattdessen war ich mit über 30 zum ersten Mal beim Hallenklettern und das scheint etwas zu sein, das mir irgendwann vielleicht richtig Spaß machen könnte. Dazu ein andermal mehr.

Seit etwa einem halben Jahr lerne ich jetzt ein Instrument spielen, eine Gitarre nämlich. Eine befreundete und sehr erfahrene Musikerin hat sich angeboten, ihr umfangreiches Wissen zu teilen und gibt kostengünstig Stunden, wir regeln das meist über Kulinarisches.

Jetzt ist es so, dass ich mich nie für einen musikalischen Menschen gehalten habe, ja sogar die Idee als lächerlich empfand, ich könnte jemals ein klangvolles Geräusch aus einem Holzkasten pressen, aber es scheint doch zu funktionieren. Zeitweise nur sehr langsam, da mir auch völlig selbst die Grundlagen der Musiktheorie fehlen, aber U. ist sehr bedacht darauf, dass die Dinge ordentlich gelernt, gesagt, gemacht und getan werden und das selbstverständlich zu recht.

Es ist jedenfalls sehr schön, etwas Neues zu lernen, gerade auch etwas musisches und ganz besonders, wenn man dachte, man lerne es halt einfach nie.

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N.

Notiz: Pandemie und Kultur

Wir wollen Digitalisierung gestalten – mit Zuversicht und guter Laune.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 3. Juli 2020 in der Plenardebatte zum Patientendaten-Schutzgesetz (PDSG).

Beides, Zuversicht und gute Laune sind mitten in einer Pandemie (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung befinden wir uns kurz vor dem 2. »Wellenbrecher-Lockdown«) nicht gerade breit gestreut, zumal in der Kultur.

Seit März, also dem Beginn der Pandemie in Deutschland, haben Vertreter von Kunst- und Kulturschaffenden, von Bühnen und Museen, als auch Kulturredakteur*innen in großer Zahl viel gefordert, mal mehr Unterstützung, mal weniger Einschränkungen für die Kunst – gebracht hat es nun leider nicht die erhoffte Resonanz – immerhin hat die Bundesregierung mit dem Programm NEUSTART KULTUR eine Milliarde Euro für den institutionalisierten Kulturbetrieb zur Verfügung gestellt.
Jetzt, kurz vor dem zweiten Lockdown, knarzt es allerdings wieder gewaltig: am 2. November werden neben der Gastronomie auch Kultureinrichtungen für mindestens vier Wochen komplett geschlossen.

Diese Entscheidung hat erwartungsgemäß sehr viel Unmut erzeugt, so wirft etwa Susanne Hermanski von der SZ der bayerischen Staatsregierung »irrationales Handeln« vor, Jan Brachmann von der FAZ sieht einen »Affront gegen Kulturschaffende«. Natürlich haben sich auch Künstler zu Wort gemeldet, so zB der Jazz-Musiker Till Brönner, zu dem Andrea Tribel auf Twitter eigentlich auch schon sehr viel gesagt hat.

Jetzt ist es so, dass sich in Deutschland bisher wohl niemand in einer Kultureinrichtung angesteckt hat (sagt auch der Bühnenverein in einer Stellungnahme an die Bundesregierung), das Argument wird jedenfalls häufig angebracht, allerdings ist es eben auch so, dass das Robert-Koch-Institut in 75% der bekannten Fälle gar nicht sagen kann, wo die Ansteckung überhaupt stattfand.

Natürlich ist es für viele freischaffende Künstlerinnen, Bühnentechnikerinnen, Handwerkerinnen, Kuratorinnen, Ausstellungsdesignerinnen, etc. pp. ein großes Problem, ich streite das auch nicht ab, viele Menschen stehen da vor einer existenziellen Krise. Deshalb aber so zu tun, als wäre es völlig unproblematisch, mitten in einer Pandemie Menschen zu Hunderten in geschlossenen Räumen zu sammeln, ist unaufrichtig.
Während der Vorstellungen mag das vielleicht kein Thema sein, aber zu so einem Theater- oder Museumsbesuch gehören eben viel mehr: An- und Abreise, Anstehen, Pausen, Toilettengänge, und so fort. Diese Gelegenheiten können die Einrichtung nur zT bzw. gar nicht kontrollieren. Mittlerweile wissen wir zudem, dass man auf so genannte Selbstverantwortung nicht so viel geben kann.

Das eigentliche Problem hinter alldem ist auch nicht die Schließung selbst, sondern dass der Kulturpolitik ihre precious Kulturlandschaft ausreichend egal zu sein scheint, um wirklich handfeste Maßnahmen zu deren Sicherung einfach zu unterlassen, stattdessen haben Museen wieder Angst vor Kürzungen. Es ist ja nicht so, als hätten wir das im April nicht schon wissen können.

Persönlich verzichte ich in diesem Jahr (und vermutlich im Nächsten auch) auf solche Veranstaltungen, Kulturbeflissenheit hin oder her. Ich könnte nicht ertragen, jemandem mit dieser Scheiße anzustecken.

A.

Apparently, Art People Don’t Do Boring Things Nowadays

Dieser Text entstand in seiner ursprünglichen Form – länger und in englischer Sprache – im Rahmen eines kollaborativen Projektes der Masterstudiengänge Arts & Heritage der Universität Maastricht und POLIS der Maastricht Academy of Fine Arts and Design (MAFAD).

Der Zweck des Projektes bestand nicht darin, eine eigentliche Ausstellung zu konzipieren, sondern viel mehr, die Studenten mit der Konstellation “Künstler vs. Kuratoren” vertraut zu machen und anhand eines praktischen, über mehrere Wochen andauernden Projektes zu erfahren, wie ein Projekt kollaborativ und interdisziplinär entstehen kann (oder auch nicht).

Der Zeitplan des Projektes, das im Nachhinein den Titel »DEBATE IT« erhalten hat, war gesetzt für die Zeit zwischen 24. Februar und 23. März 2017. Geplant war, die Ergebnisse am 24. und 25. März im Open Space, dem Ausstellungsraum der MAFAD, zu präsentieren.

1. Akt | Die Vorbereitung

Das erste Treffen zwischen den Studierenden fand schon im November 2016 statt, und es war in vielen Hinsichten bemerkenswert. Wegen verschiedener Probleme in Planung und Logistik des Treffens (zu viele Teilnehmer auf zu wenig Raum; Teilnahme von unbeteiligten, aber meinungsstarken Studierenden), sowie dank einer Reihe von Missverständnissen in beiden Gruppen, war das Treffen irgendwie eskaliert und das Projekt schon vor Beginn fast in der Tonne.

Intern begannen die Studierenden der UM ab diesem Zeitpunkt, sich mit POLIS und dessen (angedachten) Grundsätzen näher auseinanderzusetzen. Diese kritische Auseinandersetzung unter Einbezug der Literatur, auf die sich die Programmbeschreibung bezog (u.a. Aristoteles und Hannah Arendts Vita activa), hat sich später für das Projekt als elementar erwiesen. 

[Polis meint] die Organisationsstruktur ihrer Bevölkerung, wie sie sich aus dem Miteinander-handeln und -sprechen ergibt.
(p. 192)

Das zweite Treffen (und das erste Treffen der eigentlichen KollaboratorInnen) fand am 20. Februar 2017 statt. Obwohl das grundlegende Konzept als eine selbstständige Arbeit der Studenten angelegt war, griffen Lehrkräfte von POLIS von Anfang an in die Diskussionen ein und versuchten – möglicherweise unbewusst – die Richtung der Gespräche zu steuern. Eine offene Diskussion, oder gar ein Gespräch wurde so schon in der Entstehung zuverlässig unterbunden. Seit diesem Datum fanden die Treffen wöchentlich im Open Space und ohne Anwesenheit der Lehrkräfte statt. Eine Bedingung wurde von den Künstlers direkt am Anfang der Zusammenarbeit formuliert: Es wird keine »Ausstellung« geben. Ausstellungen seien »zu langweilig«. Bezeichnend, dass diese Forderung von einer Künstlerin gestellt wurde, die letztlich überhaupt nicht teilgenommen hat.  »Apparently, art people don’t do boring things nowadays« (Zitat: meine gute Freundin E. Marr).

In den Brainstormings dieser Phase entstand die Idee, das Projekt um das Topos der Bibliothek herum aufzubauen, da der Open Space früher als solche fungierte und noch heute ein Bruchteil der Bände beinhaltet. Einige der Künstler begannen zu diesem Zeitpunkt bereits, Ideen für spätere Werke zu entwickeln, verwarfen diese aber wieder wegen fehlender Ideen und des sich abzeichnenden ernsthaften Zeitdrucks. Aufgrund dessen wurde von den Künstlern auch das Topos der Bibliothek verworfen, ohne jedoch mit der curatorship class zu beraten oder sie auch nur zu binformieren. An dieser Stelle wurde zum wiederholten Mal deutlich, dass wir es nicht geschafft haben, die Kommunikationsschwierigkeiten innerhalb der Gruppe auszuräumen.

Den ersten großen Fortschritt machten wir während des Treffens in einer Bar am 13. März. Etwas hatte sich spürbar verändert; die Künstler begannen, auch uns gegenüber ihr Masterprogramm und dessen Mission-Statement explizit in Frage zu stellen und zum ersten Mal entwickelte sich spontan eine offene Diskussion, diesmal über POLIS, die Debatte als konzeptionellen Schwerpunkt des Programmes und seine Beziehung zur Kunst im Allgemeinen. 

Das »project«, die »non-exhibition« wurde das »something«, als es in der Woche vor dem Event begann, Form anzunehmen. Bis zum Ende der Woche stand der Plan, unsere Diskussion über POLIS weiterzuführen, gestützt auf Material aus akademischen wie künstlerischen Studien. Zusätzlich luden wir, Wissenschaftler und Experten aus academia und den Künsten ein, um die Debatte angemessen unterfüttern zu können. 

Vielen der Eingeladenen zeigten reges Interesse am Konzept, konnten jedoch aus Zeitgründen nicht mehr zusagen – die Einladung erreichte sie schlicht zu kurzfristig.

2. Akt | Das Konzept 

Wir entschieden uns, beim something gewissermaßen den Regeln einer formalen Debatte zu folgen, wie sie etwa in Parlamenten stattfinden. Einige der Künstler entwickelten den physischen Raum, innerhalb dessen die Diskussion stattfinden sollte: Ein Boxring mit verschiedenen Markierungen, der auch dem Aussehen nach den Aspekt der Dynamik innerhalb einer Debatte physisch erfahrbar machen sollte. Die Fläche innerhalb des Ringes teilten wir in die Felder »I agree« und »I disagree«, die Fläche außerhalb des Ringes wurde markiert als die indifferente Position »I don’t know | I don’t care«.

Die Themen, die zu diskutieren waren wurden am Tag vorher durch Abstimmung bestimmt. Die Liste sah folgendermaßen aus:

  • All of that art-for-art’s-sake stuff is bullshit. What are these people talking about?
    Are you really telling me that Shakespeare and Aeschylus weren’t writing about kings? All good art is political!
  • Artists|Institutions do have a moral responsibility.
  • Hannah Arendt is irrelevant to the program of POLIS.
  • A debate can exist without words. 
    We cannot talk about nothing. Nothingness is not a topic.
  • The curator is more clever than the artist.
  • Taking a position happens consciously. 
    A real position is always taken consciously. 
  • Curators are in charge of exhibitions.
  • The Position of an artwork can be detached from the artist’s intention.
  • Arts can be indifferent.
  • Artists don’t need to answer questions, academics do.
  • The things in your fridge say something about who you are. 
  • There is no exhibition without an audience. 
  • »Art is a leftist hobby.«
  • Education in art doesn’t work. 

Ergänzend wurde am Veranstaltungsort Videomaterial zum Thema »Debatte« gezeigt, inklusive einer Gruppe buddhistischer Mönche, die in sich in eine Diskussion vertieft hatten, sowie einen Monty Python-Sketch. Die folgenden »Spielregeln« wurden direkt am Eingang plakatiert: 

  • Es gibt einen Moderator
  • Wer eine Position bezieht, muss diese mit einem Argument begründen
  • Die Positionen innerhalb des Ringes sind
    • zustimmend
    • ablehnend
  • Die Positionen außerhalb des Ringes sind
    • »Ich weiß nicht« | »Interessiert mich nicht«
  • Ein Argument ist nie eine (rhetorische) Frage
  • Es ist erlaubt, seine Position zu ändern. Eine Änderung muss aber mit einem Argument begründet werden.
  • Eine Runde startet immer mit einer zustimmenden Aussage.

3. Akt  | Reflexion

Das Event, das wir im Nachhinein »DEBATE IT« getauft hatten, war von unserer Warte her doch ein beachtlicher (winziger) Erfolg. Ich habe in dieser kurzen Zeit wahnsinnig viel gelernt. Über Künstler, über Kunstakademien, über’s Organisieren, über Menschen, über’s Mensch-sein. Über Räume. 

Kunstakademien sind kreative Orte, wo allerhand Grenzen ständig verschoben und auf Belastbarkeit getestet werden, wo Formalia angewandt oder gebrochen werden, wenn es opportun erscheint. An solchen Orten werden großartige und beschissene Dinge geschaffen, es wird Kluges und Dummes gesagt; es werden dort Werke geboren, die durch den Betrachter überhaupt erst geschaffen werden oder solche, von denen niemand weiß, dass es sie überhaupt gibt. Ihre Relevanz aber, ziehen die Akademien nicht unbedingt aus dem Lehrpersonal, das allzu oft die Freiheit des Geistes propagiert, am Ende aber doch in sehr engen Grenzen agiert (und agieren lässt), für die zu schaffende Kunst ist das aber nur so mittel-ideal.

Schön ist, wenn sich etwas festgefahren hat und jemand mit einiger Resolutheit sagt, »Das ist kacke«, weil sich sonst irgendwann gar nichts mehr bewegt. Teamwork ist schon nett, aber nicht um jeden Preis: Einhelligkeit kann auch einfach in einem Schuss ins Knie enden. Konflikte können auch überaus produktiv sein, wenn man richtig damit umgeht. Ein wichtiger Aspekt dabei: soziale Räume.  

Räume sind wahnsinnig wichtig, vor allem, wenn es um bestimmte Arten sozialer Interaktion geht. Dabei geht es nicht immer nur darum, überhaupt einen Platz zu finden, an dem man sich treffen kann (und zu dem man auch Zugang hat). Die Natur des Raumes spielt auch eine Rolle, wenn es darum geht, sich kennenzulernen und in eine Gruppe zu finden. Neutrale Räume wie Bars, Einkaufszentren, etc.,  die vorher von keiner Partei in Besitz genommen wurden, dynamisieren die sozialen Prozesse innerhalb einer (oder zwei) Gruppe(n). Sie können helfen, das Gefüge der Gruppenzugehörigkeit aufzubrechen, allein dadurch, dass sie ggf. die die Gruppen in eine andere Form zwingen. DEBATE IT hat das insofern geholfen, als das wir zum ersten Mal Gespräche in kleineren Gruppen und auf persönlicher Ebene führen konnten (vulgo: »kennenlernen«).

b.

bloggen

Bloggen ist mir eigentlich zu anstrengend.

Hass und Weihrauch und ein Blogger. Ich blogge nicht richtig und nicht regelmäßig, gar nicht themenspezifisch und auch völlig an jedem Thema vorbei und eigentlich ist das auch alles völlig absurd. Wenn mir dann doch mal eine brauchbare Idee kommt, schreibe ich vier Wochen lang Dinge in verschiedene Notizbücher, einen digitalen Zettelkasten, und auf die Rückseiten von irgendwelchen Rechnungen. Naturgemäß ist da sehr viel Müll dabei, so etwa vierundneunzig Prozent. Dann kommt irgendwann, mitten in der Nacht, ein Motivationsschub, der für gewöhnlich völlig eskaliert. Ich werfe dann alles über den Haufen und schreibe neu. Hübscher. Besser. Ganz gleich ob Hausarbeit, Blogartikel oder Bewerbung. 

Seit einiger Zeit schreibe ich auf  ex-hibit  zusammen mit einigen sehr guten Freundinnen über zeitgenössische Kunst, Kultur und irgendwie auch Gesellschaft. Das Nette an diesem Projekt  (und am Bloggen generell) ist, dass man die Themen selber wählt, und auch, wie man sie umsetzt. Die Freiheit, mit Medien zu spielen, auszuprobieren, wie Inhalte abseits vom Fließtext einer Seminararbeit oder eines Zeitungsartikels dargestellt werden können, ist ganz ganz großartig. Und das selbst jetzt schon, wo meine Fähigkeiten, was html und CSS angehen, wirklich ziemlich für die Katz’ sind.

Bloggen ist mir eigentlich zu anstrengend, trotzdem sitze ich gerade da, arbeite an zwei verschiedenen Beiträgen, über avenidas und Gurlitt; einen dritten über das Tote Tier in der Kunst habe ich ganz lose schon im Kopf, ebenso wie einen gesellschaftspolitischen für sahnigekultur. Für diese Notiz ist jetzt auch schon ganz schön viel Zeit drauf gegangen und so schlimm kann das alles dann doch irgendwie auch nicht sein.

Weiter im Text.

d.

daß Auschwitz nicht noch einmal sei

Der 27. Januar ist der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer der Shoa. An diesem Tag wurde 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit. Bis zu diesem Von 1940 an bis zu diesem Tag starben in den Lagern des Auschwitz-Komplexes bis zu 1,5 Millionen Menschen.

Im November 1959 formulierte Theodor W. Adorno einen Radiovortrag mit dem Titel “Erziehung nach Auschwitz”, der später auch in Schriftform herausgegeben wurde. Adorno leitet den Vortrag ein mit einem berühmt gewordenen Zitat:

Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug.

Theodor W. Adorno (2003): Gesammelte Schriften. Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft, p. 690.

Nun ist Adorno selbst vor den Nazis zunächst nach Großbritannien, dann in die USA geflohen und erst 1949 wieder nach Deutschland zurückgekehrt. “Erziehung nach Auschwitz” war Adornos Beitrag zu einer der ersten “Schlussstrich-Debatten”, die die Bundesrepublik bis in die Gegenwart immer wieder führt – mit zum Teil haarsträubender Wortwahl, aber Faschisten hören eben niemals auf, Faschisten zu sein und das Sagbare zu verschieben, ist bei Rechten ja gerade wieder sehr in Mode.

Gleichzeitig wird Adornos Forderung “daß Auschwitz nie wieder sei” heute häufig als antifaschistische Beteuerung im Rahmen des Gedenkens an die Novemberpogrome oder eben den 27. Januar verwendet, gerne auch verhashtagged: #NieWieder!

Auch nach antisemitischen Anschlägen wie zuletzt dem in Halle an Jom Kippur 2019 wird Solidarität mit Jüd*innen routiniert bekundet. Wirklich handfest gelebt werden solche Bekenntnisse in Deutschland kaum und auch deshalb bleibt das Gedenken an die Shoa performativ und selbstvergewissernd.

Die Realität für Jüdinnen*Juden im Deutschland der Gegenwart ist allerdings eine andere: noch heute, täglich, müssen sie täglich mit Anfeindungen und Gewalt rechnen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit als jüdisch zu erkennen geben.

Wir müssen immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Schweigen ermutigt den Peiniger, niemals den Gepeinigten. Manchmal müssen wir uns einmischen. Wenn Menschenleben bedroht sind, wenn die Menschenwürde in Gefahr ist, werden nationale Grenzen und Befindlichkeiten irrelevant. Wo immer Männer und Frauen aufgrund ihrer Rasse, ihrer Religion oder ihrer politischen Ansichten verfolgt werden, muss dieser Ort – in diesem Moment – zum Zentrum des Universums werden.

Elie Wiesel, Shoa-Überlebender und Friedensnobelpreisträger in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises 1986.

Diese Forderung, die Forderung nach Zivilcourage, Empathie und Wachsamkeit, wird seit einigen Jahren wieder verstärkt in die deutsche Gesellschaft getragen, von jüdischen Stimmen wie Elie Wiesel (der 2016 gestorben ist) oder Ester Bejarano, die im Mädchenorchester von Auschwitz Akkordeon spielen musste und 2021 starb oder von jüdischen Deutschen der Nachkriegsgenerationen, etwa der Bloggerin Juna Grossmann oder dem Publizisten Max Czollek. Das sollte nicht sein. Das ist unser Job.

Die Engel- und Urenkelkinder der Tätergeneration müssen sich darum kümmern, dass solche Dinge nicht wieder passieren und ich finde es nur schwer fassbar, dass in diesem Land, dessen Strukturen und Organe historisch so viel Leid über die Welt gebracht haben, heute wieder jüdische Menschen an die ~Christenmenschen~ appellieren und nachgerade um Hilfe flehen müssen, damit ihre basalen Grundrechte gewahrt werden (was dann wiederum natürlich nicht passiert, because Deutsche gonna deutsch.)

Der nächste 27. Januar wird ein Freitag sein und – natürlich – werden Gedenkfeiern stattfinden, die dann aber nur für Deutsche sind, denn der Schabbat beginnt mit Sonnenuntergang.