Vor einigen Tagen hat Miriam Lochner auf ihrem Blog auxkvisit.de unter dem Titel »Gendern mit dem generischen Maskulinum? Ein auxkvisiter Versuch« einen Beitrag zu geschlechtergerechter Sprache veröffentlicht. Er enthält einige Aussagen zum Thema, an denen ich mich stark stoße, die aber sehr, sehr häufig zu hören (in privaten Umfeldern) und zu lesen (von vorgeblich kulturbeflissenen Feuilleton-Redakteur*innen) sind. Dieser Text ist nicht direkt eine Replik auf Miriams Beitrag, viel mehr eine Auseinandersetzung mit Gedanken, die ich beim Lesen des Textes und verschiedener Gespräche unter dem dazugehörigen Instagram-Post hatte. Ich hätte zu diesem Text wirklich sehr viele Anmerkungen, aber ich beschränke mich auf wenige Aspekte.

Vorweg: Für gewöhnlich nehme ich an solchen Diskussionen nicht teil. Es werden ständig die gleichen Argumente gesetzt, die schon zig-Mal besprochen, widerlegt und wieder angesprochen wurden, aber natürlich habe ich auch Gedanken dazu.
Ich predige hier nicht und will niemanden bekehren. Die Verwendung gendersensibler Sprache ist eine individuelle Entscheidung, die alle Menschen selbst für sich treffen müssen. Corporate Policy ist da natürlich ausdrücklich nicht mitgemeint, professionelle Kommunikation läuft ohnehin etwas anders.

Absolut nichts hindert Menschen daran, geschlechtergerechte Sprache zu verwenden – oder eben auch nicht. Und dabei könnte man es einfach belassen und mal spekulieren, wie wir das mit der Erderwärmung denn nun wirklich in den Griff kriegen. Stattdessen fangen in aller Regelmäßigkeit Feuilletons und sog. Intellektuelle immer wieder an, sich darüber zu echauffieren. Wir können mittlerweile die Uhr danach stellen.

Prinzipiell finde ich diese Debatte albern und ich denke, wir alle haben eigentlich Besseres zu tun, als uns immer wieder mit den selben Themen auseinanderzusetzen. Das verstellt den Blick aufs Wesentliche, nämlich den Gesamtscheiß, der gerade so vorgeht. Pandemien, die Klimakatastrophe, Menschenrechtsverletzungen durch die Europäische Union, Korrupte Deals von Mitgliedern der deutschen Parlamente, dies, das.

Sprache prägt Wahrnehmung

Ich benutze geschlechtergerechte Sprache, so gut es geht. Beruflich sowieso, aber eben auch im privaten Alltag, in Texten, in Tweets und auch in gesprochener Sprache. Ich finde das wichtig, denn Sprache prägt Wahrnehmung. Das ist nicht einfach lapidar dahergesagt. Expert*innen aus Linguistk, Psychologie und Kognitionswissenschaften haben das seit Jahrzehnten immer wieder untersucht und bestätigt (Stahlberg und Sczesny (2001), De Backer und De Cuypere (2012)).

Aus der Forschung wird ganz klar, dass es eben nicht »nur um Menschen« geht, das tut es nie. Der deutschen Umgang mit der (Un-)Sichtbarkeit der Geschlechter (das »generische Maskulinum«) stammen aus einer Zeit, in der Frauen gesellschaftlich als Individuen kaum sichtbar waren. Sprachliche Repräsentation war damit auch nicht nötig.

Sog. Sprachschützer [hahah, Sprache schützen, einfach eine komplett lächerliche Idee] verteidigen das generische Maskulinum als »neutrale Form« im Deutschen, gern auch mal als »natürlich«. An der Ausprägung von Sprache ist dabei eigentlich nichts natürlich und auch nicht neutral. Sprache ist kulturell bedingt, nicht durch die Natur.

Dadurch ist es sehr schwierig, lebendige Sprachen einzufangen, weil sich Sprache eben entwickelt. Das ist auch den meisten Leuten klar, die damit arbeiten.1 Was wir gerade mit geschlechtersensibler Sprache erleben, ist ein Aushandlungsprozess darüber, wie alle Geschlechter am besten in einer Sprache abgebildet werden, die mit grammatischen Geschlechtern agiert. Ich finde das total spannend, weil wir die Lebendigkeit von Sprache an diesem Beispiel sehr direkt erfahren.

Der Duden

Dass der Duden da nur sehr bedingt eine Referenz sein kann, muss vielleicht auch noch ein mal klar gezogen werden. Der Duden wird zwar “auf Grundlage der amtlichen Rechtschreibregeln” erstellt, wirkt aber nicht aktiv auf die Formung von Sprache ein – der Duden bildet lediglich die Realität von Sprache ab. So kommt es, dass sehr häufig Begriffe herausfallen und neue aufgenommen werden. 2020 wurden etwa Begriffe wie Reproduktionszahl und Shutdown aufgenommen, zusammen übrigens mit einer Übersicht über Geschlechtergerechten Sprachgebrauch.

Deine Uni ist ein Turm aus Elfenbein

Ein besonders dankbares Ziel für Spott sind in diesem Zusammenhang natürlich Universitäten. Grob umrissen steht die Universität im liberal-konservativen Diskurspanorama der deutschen Zeitungen für den Elfenbeintum™. Dort denken sich Akademiker*innen ständig irgendeinen abgehobenen Scheiß aus und forschen völlig an der Realität der deutschen Normalbürger™ vorbei. Dazu passt natürlich, dass Unis im Allgemeinen schon seit Jahrzehnten ihre Studis als »Studierende« anreden und allein das ist für manche Helmuts schon zu viel.

Es wird immer wieder behauptet, dass Unis die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache als Anforderung stellen würden und dass Studierende, die nicht gendern, Nachteile zu befürchten hätten, wie etwa eine schlechtere Note. Ich habe erlebt, dass sich Lehrstühle an ein und derselben Fakultät häufig schon nicht untereinander einig werden können, wie genau jetzt eigentlich zitiert werden soll. Und das ist auch okay. Aber wie genau Unis in diesem Kontext geschlechtersensible Sprache vorschreiben sollen, kann ich mir nicht recht vorstellen.

Der Linguist Anatol Stefanowitsch hat im Februar 2021 sogar ein Preisgeld von 100 Euro für einen schriftlichen Beleg geboten, der Repressalien gegen Studierende nachweist, die Hausarbeiten nicht gendergerecht abgefasst haben.

Dazu muss gesagt werden, dass »Repressalien« doch etwas deutlich anderes sind, als Vorgaben in einem Styleguide, an den sich Studierende ja trotzdem noch zu halten haben. Styleguides regeln Zitation, Schriftgrad oder die zu verwendende Schriftart.
Stefanowitsch musste bisher übrigens noch nicht ein mal zahlen, weil sich die medial aufgeblasenen Fälle (die auch vom VDS befördert wurden) bisher durchwegs als Falschdarstellungen erwiesen haben.

Die Rolle der Typographie

Zuletzt noch ein paar Sätze zur Gestaltung gendergerechter Inhalte. Sehr häufig wird behauptet, geschlechtergerechte Sprache führte zur schlechteren Lesbarkeit. Einerseits gibt es dazu aus der Forschung keine Ergebnisse, die diese These unterstützen (siehe etwa Braun et. al (2007)). Andererseits finde ich solche Argumente erstaunlich, besonders wenn sie von Typograph*innen kommen. Sie tun das auch intensiv, etwa Friedrich Frossmann (2021), der mit seinen Positionen komplett lost ist, wie ich finde.

Wenn es um Lesbarkeit geht, kommt der Typographie eine entscheidende Rolle zu. Wenn ein Text schlecht lesbar ist, haben die Gestalter*innen einen schlechten Job gemacht – ganz egal, ob der Text gendert oder nicht.

Eine Anekdote.

Vor ein paar Jahren war ich dabei, als eine Gestalterin ein fertig designtes Logo für ein größeres Projekt vorstellte. Eine Wort-Bild-Marke, deren Bestandteil auch ein š war, ein S mit Hatschek, der häufig in slawischen oder baltischen Sprachen vorkommt und wie »sch« ausgesprochen wird. Die Gestalterin hat nun »aus ästhetischen Gründen« ohne wirklich ohne jegliches Gespür für das, was Sprache eigentlich ausmacht, darauf verzichtet, den Hatschek korrekt abzubilden. Sie hat stattdessen ein »ś« verwandt, ein S mit Akut, das in der betroffenen Sprache – dem Tschechischen nämlich – gar nicht vorkommt.

Typographie ist ein Werkzeug für Sprache. Sie bildet Sprache ab und ist genau so veränderbar – das Unflexibelste daran sind ihre Gestalter*innen, ganz ohne Zweifel. Es wäre ihre Aufgabe, Mittel und Wege zu entwickeln, die Besonderheiten von Sprache abzubilden, statt offensichtlich notwendige Veränderungen mit simplen Geschmacksurteilen abzubügeln.

Erste produktive und interessante Ansätze dazu liefern beispielsweise das How to Genderstern in Typografie und Schriftgestaltung, oder die Typographin Bianca Ledies in ihrem Bachelorprojekt Nonbinäre Typo.

Anmerkungen

  1. Tatsächlich sind auch tote Sprachen nicht ganz tot. Die Päpstliche Akademie für die Lateinische Sprache kümmert sich beispielsweise darum, dass das Lateinische als Amtssprache des Vatikan mit dem modernen Italienisch mithält. Ihre Vorgänger-Organisation hat uns etwa die lat. Übersetzungen für Basketball [follis canistrique ludus], Kondome [tegumenta] und Videotheken [pellicularum cinematographicarum thecae] geschenkt.

    [Danke an AD für die Hilfe beim Deklinieren!]

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P.

Popkornkino

Popkornkino

In Kürze: Der Betreiber will das Kino dichtmachen, weil es sich für ihn nicht lohnt, obwohl am Ende wohl ein kleines Plus steht und die Stadt steht seit einiger Zeit vor der Frage, wie es weitergehen soll [siehe Links am Ende der Geschichte].Von Gott weiß woher hat man jetzt ein neues Konzept für den Betrieb aufgetrieben, das als Idee, wie ich persönlich finde, sehr charmant ist, von dem ich aber Zweifel habe, ob das in dieser Form so funktioniert.

Diese Zweifel basieren allerdings auf sekundären Quellen (Presse), insofern kann ich dazu erst Näheres sagen, wenn ich das Konzept im Original gesehen habe. Bisher (Stand: 12.04.2018) hat die Diskussion drei Vorschläge hervorgebracht:

I. Das Konzept1

Die Stadt übernimmt das Kino für 360.000€ und investiert 300.000€ in notwendige Umbaumaßnahmen [die allerdings nur einer Grobplanung entstammen und dementsprechend wenig aussagekräftig sind.]. Betrieben werden soll das Kino kommunal, über die geplante Rechtsform wurde nichts berichtet. Das geplante Programm umfasst:

  • Arthouse-Filme [Kunstfilme]
  • »Popcorn-Kino« mit 3D-Filmen
  • Dokus und Kurzfilme »ergänzt zu verschiedenen Filmreihen« [was das genau bedeutet, wird aus dem Kontext nicht völlig klar]
  • Sportereignisse (Etwa der Superbowl der NFL)
  • ergänzend soll ein Programm für Kleinkunstveranstaltungen etabliert werden

Unterm Strich soll der Fokus wohl auf ein »anspruchsvolles Programm« gelegt werden. Auch an der Hardware soll sich was tun:

  • Umgestaltung der Fassade 
  • die Einrichtung einer barrierefreie Toilette
  • weiter soll »der Wohlfühlcharakter« der Lobby verbessert werden

Soweit, so okay.

II. Die Position von CSU|FWS

Die Fraktion der CSU|FWS hat sehr deutlich gemacht, dass sie ein Konzept auf Basis des kommunalen Kinos, mit Verweis auf den momentan noch etwas wackeligen Haushalt der Stadt ablehnt. 

  • Gründung einer GmbH mit einer möglichen Beteiligung der Stadt; ein Förderverein soll unterstützen
  • Ablehnung einer Erweiterung des Gastro-Angebots, aufgrund von »Wettbewerbsverzerrung«
  • Die CSU gibt die weiterhin relativ schwache Finanzlage der Stadt zu bedenken
  • Die FWS haben Einwände aufgrund des Aufwandes, der für den Betreiber schon zu hoch würde und dementsprechend hoch auch für ehrenamtliche Unterstützer ausfallen mag

Für das Rathaus sei es sicherlich schmeichelhaft, wenn man unterstelle, dass es Dinge könne, die sich die privaten Eigentümer nicht mehr zutrauten.(Stephan Rummel, zit. n. Frankenpost online)

Auf Facebook weist der Unternehmer Martin Groeper eindringlich darauf hin, dass im Plan der CSU ein Förderverein juristisch wohl keinen Platz hätte. Tja, nun. Die Chancen stehen wohl eher schlecht, dass lokale Investoren in Selb mal den Hut rumgehen lassen, um ausreichend Kapital zu sammeln. Der CSU-Vorschlag kippelt daher ganz schön.

III. Die Position der SPD

  • Die SPD möchte das Konzept testen. Basis dafür soll ein Mietvertrag mit dem Inhaber des Kinos sein
  • Der Mietvertrag soll über 18 Monate laufen, in der das Konzept implementiert werden kann
  • Gleichzeitig soll der Stadt so die Möglichkeit gegeben werden, den Anker zu werfen. 
  • Weiter sollen möglichst viele Konjunktive im Vorfeld ausgeräumt werden, insbesondere was mögliche Förderoptionen angeht
  • Auch die SPD zieht eine Einbeziehung von Investoren in Betracht

Und nun? Alle drei Positionen haben durchaus bedenkenswerte Aspekte, allerdings gibt es auch Raum für Kritik

 

Eins

Dass ein Kino für die Stadt Selb eine wichtige Einrichtung ist, ist schwer zu bestreiten, inwiefern sich allerdings Kino mit Fokus auf Arthouse, also den Kunstfilm, (kosten)effizient betreiben lässt, ist sehr schwer zu sagen. 2016 waren gerade einmal 12,5% aller Kinogänger Besucher von Programmkinos. Dieser Schnitt wird in Selb wohl eher niedriger sein, insofern bin ich da sehr skeptisch. Auf der anderen Seite haben Sportereignisse wie das CL-Finale oder der Superbowl, die andernorts schon in Kinos gezeigt werden, unter Umständen doch einiges Potential.  
Die weiteren Möglichkeiten sind unendlich: Es gibt Tatortabende oder Vormittagsvorstellungen für Eltern mit kleinen Kindern, wo die Filme jeweils etwas leiser und mit Untertiteln gezeigt werden, falls mal ein Balg plärrt. Dazu: jähriliche Vorstellungen von Kultfilmen wie der Rocky-Horror-Picture-Show und ähnlicher. Es ist schwierig, trotzdem ist das Potential ist wahnsinnig groß. Auch eine kleine Bühne oder generell ein Platz für Veranstaltungen sind in Selb bisher nicht leicht zu finden. Insofern, aus der Sicht eines Kulturenthusiasten: Daumen erst einmal seitwärts.

 

Zwei

Eine private Lösung ist bei einem Budget von mindestens 650.000€ schwierig zu erreichen. Das Risiko für private Investoren wäre enorm hoch, und es ist doch fraglich, ob das ordentlich gegenfinanziert werden kann. Auch der Punkt mit dem gastronomischen Konkurrenzangebot ist nicht ganz von der Hand zu weisen und sehr schwer zu rechtfertigen. Aber:
Transparenz bei der Budgetierung kann Bedenken in diesem Punkt ausräumen helfen.

Besonders interessant finde ich im Zusammenhang mit der Finanzierung die oben zitierte Aussage von Stephan Rummel. Tatsächlich ist die »Unterstellung« nämlich sehr zutreffend: eine Kommune kann tatsächlich Dinge machen, die die Privatwirtschaft nicht kann, weil diese auf die Gewinnmaximierung fixiert ist, anders als ein kommunales Unternehmen.

Die wichtigste Aufgabe von kommunalen Kinos ist die Kulturarbeit. Die kann vielerorts überhaupt nur aufrecht erhalten werden, weil die Gemeinden die Filmtheater querfinanzieren. Bei so ziemlich allen deutschen Bühnen ist das übrigens genau so; auf die Idee, das Rosenthal-Theater zu schließen kommt ja auch niemand. Die Möglichkeit der Querfinanzierung ist in Wirklichkeit der große Vorteil des kommunalen Kinos. So wird es in vielen Kinos überhaupt erst möglich, die im Vergleich zum Popcornkino weniger lukrativen, aber kulturell wertvollen Arthouse-Filme überhaupt anzubieten. Die CSU|FWS-Position bekommt von mir ein solides »Na ja«.

 

Drei

Den Vorschlag der SPD ist mir grundlegend ziemlich sympathisch. Die Idee, das besprochene Konzept step-by-step umzusetzen, schafft die Möglichkeit, in einer Art Sandbox, also einer sicheren Entwicklungsumgebung, verschiedene Modelle und Ansätze zu testen und umzusetzen. Auf diese Weise wird das Konzept im laufenden Prozess weiterentwickelt, was dem Kino eine Menge Flexibilität einräumt. Gleichzeitig bliebe so genug Zeit, eine gewisse Marktforschung zu betreiben, um das Publikum näher kennenzulernen, und entsprechend das Konzept an diese Daten anzupassen und das »Nutzererlebnis« zu verbessern. Unterdessen kann dann dementsprechend die geeignete Rechtsform für das kommunale Lichtspielhaus gefunden werden. Wichtig dabei ist, ein ordentliches Monitoring aufzubauen, damit möglichst schnell auf negative Veränderungen reagiert werden kann.   

Dass die SPD erst einmal keine Umbauarbeiten in Kauf nehmen will, ist angesichts des Miet-Vorschlages natürlich verständlich, Bauschmerzen macht mir das aber doch. Umbaumaßnahmen sind im Selber Kino ziemlich notwendig, die Struktur ist nicht mehr ganz so zeitgemäß. Wenn außerdem ein Gastro-Angebot entstehen soll, werden da [vermute ich] auch im Foyerbereich Bauarbeiten notwendig sein. Dazu kommt die Barrierefreiheit, die für öffentliche Gebäude regelmäßig erreicht werden soll. Eine barrierefreie Toilette ist da nicht genug, auch der Eingangsbereich müsste dann ganz neu gestaltet werden.


Persönlich bin ich sehr stark dafür, ein Kino in Selb zu erhalten.

Das schließt eine kommerzielle Lösung fast vollkommen aus, die Rentabilität ist da wohl eher nicht gegeben. Ein kommunales Kino mag finanziell ein größeres Risiko sein, stellt den Erhalt des Kinos als Teil der kulturellen Infrastruktur aber erst einmal sicher. Mit einem moderneren, zeitgemäßeren Programm können realistisch gesehen auch wieder mehr als 17.000 Besucher pro Jahr erreicht werden. 

Der Haken ist die Vorbereitung: Bei einigen kommunalen Projekten in der Vergangenheit ist in der Stadt schon konzeptionell Einiges schiefgelaufen, was zu horrenden Folgekosten geführt hat. Das sollte – wenn möglich – nicht wieder passieren.Es ist wichtig, dieses Projekt auf richtige Füße zu stellen. Das schließt Gutachten (baustatische wie ggf. juristische) ebenso mit ein, wie eine taugliche Projektstruktur, die Mission, Parameter, an denen der Erfolg gemessen werden kann, Informationen zu den Besucherstrukturen, eine taugliche Evaluation und vor allem offene Kommunikation. Wenn sich die Stadt diesmal dazu durchringen kann, das kommunale Kino professionell managen zu lassen [was ich der ominösen Konzeptionistin erst einmal zutraue], dann wird das mit dem kommunalen Kino auch ohne Schwierigkeiten was.

[hinzugefügt, 13.04.2018, 12:40 Uhr] Einen wichtigen Punkt habe ich in der Zusammenfassung gar nicht erwähnt: Bei einer Übernahme des Kinos durch die Stadt muss, unabhängig von der Rechtsform, vor allem die völlige Unabhängigkeit des Betriebes in Fragen der Programmgestaltung festgelegt sein. Zum einen, weil dadurch ein gleichbleibend hochwertiges Programm sichergestellt wird, zum anderen wird auf diese Weise die Freiheit der Kunst gewahrt, die in diesem Fall nicht nur auf die Filmauswahl beschränkt wäre. 

Und zuletzt:

This one goes out to you, CSU: Ein Kino ist natürlich ganz SELBSTVERSTÄNDLICH ein Wirtschaftsbetrieb [was nichts anderes bedeutet als »Unternehmen«, das macht die Aussage an sich schon komplett überflüssig] und man kann ein Kino NATÜRLICH auch als GmbH betreiben [ich kann nicht ganz fassen, dass man das wirklich sagen muss, so belanglos ist diese Aussage].

Die [wichtige] Frage ist daher halt auch, welchen Zweck man damit verfolgt und ob man das dann überhaupt noch will. Oder ob es auch nur sinnvoll ist. Überraschenderweise ist ein Kino nicht automatisch gewinnorientiert, nur weil »Kino« drauf steht. Ich mag in diesem Fall den großartigen Joachim Lux zitieren, der da schrieb

Erst Kultur macht das Leben lebenswert. Als unabdingbare Überflüssigkeit steht sie gegen die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse. Und für die Freiheit.


Offenlegung: Der Autor ist SPD-Mitglied und als solches Genosse im OV Selb.


Links zum Thema

kommunale kinos: Bundesverband kommunale Filmarbeit

FFA-Prgrammkinostudie 2016

Kultur ist Leben. Kultur ist Freiheit. [The European, 14.03.2015]

Hoffnung für das Kino Center [Frankenpost, 31.08.2017, Paywall]

Das Ringen um das Kino-Konzept [Frankenpost, 15.12.2017, Paywall]

Unterstützung für Zukunft des Kinos als Kulturstätte [Selb live, 10.04.2018]

Hängepartie um Selber Kino geht weiter [Frankenpost, 10.04.2018]

Selb: CSU will Kino in privater Rechtsform [Frankenpost, 11.04.2018]

SPD Selb: Kinorettung ist möglich [Facebook, 12.04.2018]

Anmerkungen

1. Sporer M. Unterstützung des Kinos als Kulturstätte. Selb-live.de. http://www.hochfranken-live.de/index.php/news/4940-unterstuetzung-fuer-zukunft-des-kinos-als-kulturstaette.html. Published April 10, 2018. Accessed April 10, 2018.

D.

Deine Meinung interessiert mich ‘n Scheiß

Kleiner Reminder, dass Meinungen eigentlich gar nicht so wichtig sind. Aber Haltung. Die schon.

Meinungen und ihre Äußerung sind seit etwa zehn Jahren wieder sehr populär, gerade in öffentlichen Diskursveranstaltungen wie etwa sozialen Medien oder Feuilletons, aber auch überall sonst.

Online, wie wir alle wissen, ist sowieso der Ort, wo das Allerbeste im Menschen zum Vorschein kommt.
Unheimlich viele Menschen sind unheimlich heiß darauf, gerade dort ihre MEINUNG abzuladen. Dabei denken sie, weil sie das KÖNNEN und DÜRFEN, MÜSSEN sie es tun und jeder müsste das ungefragt akzeptieren, schließlich gilt in DEUTSCHLAND ja IMMER NOCH MEINUNGSFREIHEIT.

Jetzt ist es ja so, dass vielfach da, wo MEIUNGSFREIHEIT als GUT hochgehalten wird, menschenfeindlicher Schmutz gegen Kritik imprägniert werden soll, indem er als MEINUNG deklariert auf ein Podest gehoben wird.
Dabei sind Meinungen einfach scheißegal. Meinungsfreiheit ist ein Schutzrecht der Bürger gegenüber dem Staat, das heißt:

  • für eine Meinungsäußerung kann man in Deutschland nicht belangt werden.

Das heißt nicht:

  • Meinungsäußerungen an sich haben einen (inhaltlichen) Wert
  • sie müssten unwidersprochen hingenommen werden
  • rassistisches Arschlochtum ist zulässig, wenn man es als MEINUNG kleidet

Ich habe es mir deshalb zur Angewohnheit gemacht, Rotz zügig wegzublocken. Blocken. Ist. Selfcare. Blocken hält die Timelines sauber und ist wirklich gut für die Nerven. Natürlich ist mir bewusst, dass ich damit in einer privilegierten Position bin. BIPoC1 etwa, oder FLINTA2 können zwar versuchen, Arschlöcher online weitgehend auszusperren, offline geht das aber nicht.

Blocken. Ist. Selfcare.

Sie müssen jeden Tag mit (verbalen) Angriffen und deren psychischen und physischen Folgen leben, während irgendwelche Jockel, die nur mal ihre MEINUNG zum Ausdruck bringen wollen, sich abends hinlegen und einfach einschlafen. Womöglich halten sie sich dabei noch für rechtschaffene Menschen.

Es wäre an uns, der verfluchten Mehrheitsgesellschaft, die sich gerne offen und menschenfreundlich gibt, in jeder dieser Situationen den Mund aufzumachen und diesen Leuten ihre Worte verbal (oder auch mal nicht) in den eigenen Hals zu stopfen. Viel mehr Menschen müssen sehen, dass halbwegs anständiges Sozialverhalten gegenüber unseren Mitmenschen selbstverständlich ist, auch wenn sie nicht so aussehen oder sich so verhalten wie die Protagonist*innen in Sturm der Liebe.

Das ist dezidiert nicht die Aufgabe der Menschen, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind. Die leisten ohnehin schon vielfach mehr als sie müssten, indem sie immer wieder in Medien oder persönlichen Gesprächen darauf hinweisen, was geht und was nicht. We need to educate ourselves. Rassismus. Sexismus. Feminismus. Intersektionalität.

Anmerkungen

  1. BIPoC ist die gebräuchliche Abkürzung für Black, Indigenous, and People of Color, einem Sammelbegriff für Menschen, die Rassismus ausgesetzt sind und die damit ein Set an rassistischen Erfahrungen teilen.
  2. FLINTA ist ein Akronym für (cis hetero) Frauen, Lesben, Inter Menschen, Nichtbinäre Menschen, Trans Menschen und Agender. Auch sie sind (meist mehrfach) von Diskriminierung betroffen.